„My dear Frodo, you asked me once if I had told you everything there was to know about my adventures. Well, I can honestly say I’ve told you the truth, I may not have told you all of it …“

Ein weiser alter Mann sagte einmal über Hobbits, man könne in einer Woche alles über sie lernen, was es zu lernen gibt, und dennoch können sie einen selbst nach hundert Jahren noch überraschen. So lange immerhin ist es noch gar nicht her, seit zum letzten Mal einer der Auenland-Bewohner auf der großen Leinwand auszog, um – unerhört! – ein Abenteuer zu bestehen, und darum war auch die Geschichte des Einen Rings, in der das Schicksal von ganz Mittelerde in die Hände zweier Halblinge fiel, noch nicht zu Ende erzählt. Oder etwa doch? Was hagelte es nicht für Skepsis, als Peter Jackson die Verfilmung des Hobbit ankündigte, jenes Kinderbuchs, das, wenn auch nicht in Stil und Zielgruppe, die Vorgeschichte des Herrn der Ringe erzählt: Zuerst in den Händen Guillermo del Toros, dann doch des Masters höchstselbst; erst ein Film, dann derer zwei, nun gar drei, ein ambitioniertes Projekt für ein Büchlein, das im Original wenig mehr denn dreihundert Seiten umfasst, hundert derer also pro Film, welche Lappalie. Da grenzten die Kritiken schon fast an ein mittelschweres Mittelerde-Mirakel, denn die meisten waren sich einig: Gut mit Enttäuschungen sollte er sein, der erste Film der neuen (der Ausdruck Prequel muss ja inzwischen als historisch verbrämt gelten) Trilogie, The Hobbit: An Unexpected Journey.

Bilbo Baggins (Martin Freeman) ist ein respektabler Auenland-Bewohner, ein Baggins von Bag End, ein Hobbit aus gutem Hause, der nichts zu schaffen hat mit Abenteuern, Unheil und zwielichtigen Gestalten, bis, nun, bis eines Tages eine ganze Horde von Zwergen bei ihm vorstellig wird, seine Wohnung auf den Kopf stellt, seine Vorratskammer restlos leert und ihn, den vermeintlichen Meisterdieb, zu einer Schatzsuche verpflichten will. Ein Gedanke, der ihn als hoch angesehenen Baggins natürlich völlig entsetzt. Doch angetrieben von seinem abenteuerlustigen Tuk-Blut und ermutigt von Gandalf the Grey (Ian McKellen) findet sich Bilbo zu seinem eigenen Erstaunen auf einem Pony wieder, in Gemeinschaft des exilierten Zwergenprinzes Thorin Oakenshield (Richard Armitage) gen Osten reitend, in Richtung des einstigen Zwergenreiches Erebor, um den unermesslichen Goldschatz der Zwerge aus den Fängen Smaugs, des Drachen, zu stehlen. Doch längst haben sich Dinge in Bewegung gesetzt, die über dieses kleine Abenteuer weit hinausgehen: Im Osten regt sich ein dunkler Schatten, eine längst überwunden geglaubte Bedrohung. Und tief unter den Misty Mountains findet Bilbo, der Schatzsucher, ein unscheinbares Kleinod, das den Lauf der Dinge ins Wanken bringen wird …

Die Unterschiede zwischen Der kleine Hobbit, wie der Roman in Deutschland heißt, und dem epochalen Lord of the Rings können gar nicht genug betont werden. Um die Kontinuität auf der Leinwand herzustellen, um die sich Tolkien nicht bemühen musste, stand Peter Jackson nun vor der Mammutaufgabe, die Geschichte des Hobbits an den erzählerischen und visuellen Stil seiner vorherigen Trilogie anzupassen – eine künstlerische Gradwanderung, die, wie ich meine, nicht schwer genug eingeschätzt werden kann. Gemessen daran ist der Hobbit eine Bravourleistung. Der visuelle Stil, die grandiosen Kamerafahrten, der unverkennbare Score aus den Händen Howard Shores machen es dem Zuschauer ungemein leicht, nach Mittelerde zurückzukehren, ebenso der Prolog, eine Überleitung durch Ian Holm und Elijah Wood, die im Herrn der Ringe Bilbo und Frodo Baggins verkörperten. Überhaupt ist der Beginn des Filmes fabelhaft gelungen, nicht zuletzt dank des pointierten Spiels Martin Freemans, dessen herrlich überforderter Bilbo seine wunderbar affektierten Schrullen nach Beginn des Abenteuers nach und nach verliert – um sie erst in der besten Szene des Filmes zurückzugewinnen, doch dazu später mehr. Überhaupt ein wahres Wunderwerk, wie Jackson die Überleitung des bildgewaltigen Prologs zum beschaulichen Bag End zeigt, den langsam durchscheinenden Wunsch Bilbos, seinem respektablen, braven Hobbitdasein zu entkommen, auch das Wanken der Zwerge zwischen frohem Gemüt und melancholischer Entschlossenheit: Eine charakterliche Ambivalenz, die, wenn überhaupt irgendetwas, in Lord of the Rings fehlte.

Woher also der leichte Hauch von Enttäuschung, den, ja, auch ich verspürt habe? Er stellt sich im Mittelteil ein, denn, wie erwartet, An Unexpected Journey hat seine Längen. Seltsamerweise aber resultieren diese nicht aus zu wenig Inhalt, eher aus zu viel desselben: Hier ein Nebenstrang, der künstlich in die Länge gezogen wird, dort eine überflüssige Action-Sequenz. Vor allem letztere sind ein Grundübel des Films: Wo The Fellowship of the Rings nur zwei wirkliche Kampfszenen hatte, diese dann aber mit Wucht zu inszenieren verstand, verliert der Hobbit sich hier und dort in belanglosem Krawall, und ich hebe dabei vor allem die unsinnig abgeänderte Troll-Szene sowie die furchtbar albern geratene Sequenz mit dem Goblinkönig hervor. In der Tat hebt An Unexpected Journey sich seine einzig wahrlich gelungene Kampfszene für den Schluss auf, ein versöhnlicher Endpunkt immerhin. Doch die Tendenz Jacksons, mit ausgedehntem Schlachtgetümmel Skript-Brachland zu überbrücken, tat sich ja bereits in Return of the King hervor, und wer zu viert an einem Drehbuch herumzaubert, sollte mit solcherlei Leerlauf rechnen. Gemessen daran wäre der Hobbit tatsächlich das Meisterwerk, für das ihn – wohl zurecht – nur die wenigsten halten, denn seine Längen sind verzeihlich, sein Mittelteil mit dem diesmal wenig atemberaubend in Szene gesetzten Rivendell dann doch kurz genug, ehe wir zum vermutlichen Höhepunkt der Trilogie kommen, der schicksalhaften Begegnung Bilbos mit einer im wahrsten Sinne des Wortes rätselhaften Kreatur, die in den Tiefen der Misty Mountains lebt.

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Wir haben Gollum (Andy Serkins), jenes Animationswunderwerk, nun schon zwei volle Filme inklusive Überlänge erlebt, lange genug, um uns nicht mehr überraschen zu lassen. Richtig? Falsch! Welch ein brillanter Anflug von Kammerspiel, welch eine gespenstische Atmosphäre, und gleichzeitig wie herrlich, dass Martin Freemans Bilbo ausgerechnet in dieser unwahrscheinlichsten aller Situationen unwillkürlich zu seinen alten Marotten zurückkehrt, weil dieses Rätselspiel mit einem gefräßigen Monster tief unter der Erde mehr seiner Natur entspricht als alles andere, was er auf diesem Abenteuer erlebt hat! Wie herrlich, dass das gleiche ersichtlich für Gollum gilt! Dann die Überleitung zum Schlussduell, das mehr an Filme wie Pirates of the Caribbean erinnert denn die Lord of the Rings-Trilogie, aber eben genau den Punkt tritt, ohne pathetisch zu sein, ohne sich übermäßig hinzuziehen; schließlich ein kurzer, verheißungsvoller Ausblick auf das, was uns noch erwartet. Ja, der Eindruck ist ein positiver, sehr sogar, und die Enttäuschungen sind tatsächlich nicht das, was sich im Gedächtnis festsetzt, nicht so sehr jedenfalls wie Freeman und Motion-Capture-Serkins, die unterhaltsame Geschichte, verfilmgt in großartigen Bildern, Shores Misty-Mountain-Theme, ja, der Gesamteindruck des fabelhaft gelungenen Einblicks in eine andere Welt. An Unexpected Journey ist nicht ohne Fehler, aber er funktioniert als Gesamtwerk und weckt Lust auf die kommenden beiden Filme. Let’s go on an adventure!

★★★★★★★★☆☆

The Hobbit: An Unexpected Journey (NZ, USA, UK 2012, dt. Der Hobbit – Eine Unerwartete Reise) | Regie: Peter Jackson | Skript: Jackson, Fran Walsh, Philippa Boyens, Guillermo del Toro | mit Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Andy Serkis | 169 Min. | FSK 12

*Dieser Text bezieht sich auf die englische Originalversion in 2D, 24 BpS.

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